Panel: Wissenschaft nur noch auf Englisch?

In seinem Vortrag stellte Prof. Dr. Bernd F. W. Springer die Hypothese auf, dass wir Deutsch als Wissenschaftssprache bräuchten und zwar im internationalen Rahmen einer mehrsprachigen Wissenschaft, um im deutschsprachigen Raum die Freiheit und Verantwortung von Wissenschaft zu garantieren.

Dabei ginge es ihm nicht um Nationalstolz, sondern um Vielfalt und Freiheit, denn die Uniformität der Sprache bedeute die Uniformität des Denkens, so Springer. Englisch biete zwar den Vorteil, dass sich Forscher weltweit besser austauschen könnten, allerdings verlören nicht-angelsächsische wissenschaftliche Arbeiten ihre Bedeutung und würden nur als zweitrangig betrachtet. Das bedeute das Ende der Freiheit, sich einer bestimmten Sprache zu bedienen.

Außerdem entwickle sich die Fachsprache, wenn es nur noch Englisch als Wissenschaftssprache gäbe, nicht weiter. Springer sähe das als einen „Domänenverlust im Sprachgebrauch“ und somit auch als Kulturverlust. Die unterschiedlichen Traditionen der Wissenschaftssprachen würden nicht weitergeführt werden. Nach Humboldt spiegelten Sprachansichten Weltansichten wider. Sprachliche Abhängigkeit bedeute also geistige Abhängigkeit. Dies erkannte schon Leibniz.

Auch die kritische Öffentlichkeit würde nicht am Diskurs beteiligt, obwohl die Bildung der Allgemeinheit wichtig sei. Die Benutzung einer Fremdsprache sei aber nicht nur ein Problem für die Allgemeinheit, sondern auch für die Wissenschaftler selbst. Denn trotz guter Argumente, ist es schwieriger jemanden in einer anderen als seiner Muttersprache zu überzeugen. In einem Experiment gewannen Muttersprachler eine Debatte mit nicht Muttersprachlern zu 93%, obwohl die nicht Muttersprachler die leichtere Ausgangsposition bekamen. Auch für Studierende sei es negativ, nur Englisch zu benutzen: Die Qualität der Lehre sinke und sie hätten schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Sprachen besitzen unterschiedliche Kategorien und Oberbegriffe. Im Deutschen  beschreiben die zwei Oberbegriffe „Obst“ und „Gemüse“ das gleiche wie im Spanischen die drei Obergriffe „frutas“ (Früchte, Obst), „hortalizas“ (grünes Gemüse) und „legumbres“(Hülsenfrüchte). Das zeige, so Springer, dass man durch unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Perspektiven einnähme. Das treffe auch auf die Wissenschaftssprache zu, da man dort Metaphern benutze. Desweiteren gäbe es kein sprachfreies Wissen, weil Sprache nicht nur kommunikative, sondern auch kognittive Funktionen besitze.

Am Ende des Vortrags wurde betont, dass Internationalität daher mehrsprachig sein solle. Der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache, der 2007 gegründet wurde, setzt sich daher dafür ein, dass nicht nur Englisch in der Wissenschaft verwendet wird.

Weitere Hintergrundinformationen findet man in Springers Buch „Das kommt mir Spanisch vor“.

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