Panel: Ohne Kulturwissenschaften kein Europa. Vom Nutzen sprachlich-kulturellen Wissens für die Verständigung mit unseren Nachbarn

Vom europäischen Traum

Prof. Dr. Bernd F. W. Springer’s Vortrag war ein Plädoyer für die Rückbesinnung auf den Wert einer gemeinsamen europäischen Identität. Durch ebendieses prangerte er die Annahme vieler an, eine genaue Kenntnis fremdsprachlicher Grammatik ohne kulturelle Kenntnisse der Region befähige zur Kommunikation.

Zu Beginn sei erst einmal gesagt, dass, als Springer vor ca. einem Jahr die Zusage zum Vortrag gab, die Situation in Europa noch eine andere war: Brexit klang wie eine hohle Drohung Cameron’s, man dachte die AfD stehe kurz vor der Auflösung. Heute erleben wir die größte Krise europäischer Geschichte jemals; Europa droht zu zerbrechen, Rechtsstaaten sind in Gefahr und die Ausbreitung nationalistischer Strömungen sind paneuropäisch nicht nur zu beobachten, sondern in der Mitte angekommen und merklich spürbar.

Einzelstaatliches Handeln vernichte eine gesamteuropäische Politik. Die drei herrschenden Ängste der europäischen Bevölkerung seien erstens die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität, angeblich „drohender Überfremdung“; zweitens die Angst vor dem Verlust des Lebensstandards als Folge genereller Prekarisierung; sowie drittens allgemeine Sicherheitsängste, die z.B. durch mediale Präsenz von Terroranschlägen etc. geschürt werden.
Wer, wie Prof. Springer für die Entwicklung einer gesamteuropäischen Identität im Sinne vom amerikanischen „nationmaking“ plädiert, sieht dieser wünschenswerten Möglichkeit, durch die oben geschilderten Umstände, Steine in den Weg gelegt (aus denen man nicht in Goeth’scher Manier Schönes bauen kann).

Springer betont, dass zur Überwindung der obengenannten Ängste ausschließlich eine gesamteuropäische Lösung in Frage komme.
Er merkt außerdem an, dass es verschiedene Arten von Identitäten gibt: exemplarisch sind regionale, nationale, europäische, geschlechts- und interessenspezifische Identitäten. Diese sind individuell unterschiedlich stark ausgeprägt (in Kriegszeiten beispielsweise überwiegt die nationale Identität, was zu wünschenswerten Zeiten des Friedens nicht der Fall sein muss).
Aber auch Sprache bildet Identität. Der Durchschnittsdeutsche mag vielleicht denken, tiefe Kenntnisse bezüglich Vokabular und Grammatik mögen ausreichen um zur Kommunikation innerhalb anderer Kulturen zu befähigen, Springer sieht das anders. „Wir leben in einem Europa ohne Europäer“ sagt er. Da stellt sich die Frage wie man denn Europäer wird?

Seine Antwort: Erstens sei die „lingua franca“ der Tod für Europa, es sei zwingend notwendig die einheimische Sprache zu erlernen um Kommunikation zu ermöglichen, die über reines Verständigen hinausgeht und Integration im besten Sinne des Wortes ermöglicht und fördert. Des Weiteren müsse man reisen, sich in die Geschichte des jeweiligen Landes einlesen, längere Zeit dort leben und Freundschaften schließen, um die eigene Identität zu erweitern. Springer selbst lebt und lehrt seit 1994 in Barcelona:

„Lebendige Auslandserfahrungen und kulturelles Wissen sind unumstößlich mit der Bildung einer europäischen Identität verbunden“

Viele kennen die Stereotypen „der Spanier“ sei oberflächlich und arbeitsscheu, „der Deutsche“ ein an Effizienzsucht erkrankter Pfennigfuchser. Dabei muss man überlegen woher diese Arbeitsmoral kommt: in Deutschland ist man Lehrer, in Spanien arbeitet man nur als einer.

Kulturwissenschaften schaffen Verständnis für andersartige Kulturen, sie überkommen den negativ konnotierten Begriff der Toleranz, dem Dulden des uns Fremden, und ersetzen ihn durch tatsächliche Integration. Nur, wer sich mit Geschichte und Gepflogenheiten einer bestimmten Gegend beschäftigt, wird zu Kommunikation befähigt.

Springer zieht den Eisberg-Vergleich: das obere Drittel eines Eisbergs ist das Offenbare: denkbar leicht erkennbare Unterschiede in Klima, Sprache, Architektur. Die übrigen, sich unter der Wasseroberfläche befindlichen zwei Drittel beinhalten das zu Erlernende: Wie äußert man Kritik, welchen Stellenwert haben Privatsphäre, Essen, Körpersprache; wie verhalten Menschen sich untereinander?

Um uns endlich mindestens ebenso als Europäer zu begreifen, wie wir uns als Polen/Spanier/Franzosen begreifen, haben Kulturwissenschaften eine zentrale Bedeutung: sie ermöglicht uns, Personen, getrennt von ihren Nationalitäten, als Mensch zu begreifen. Es bleibt demnach festzuhalten: „Ohne ein kulturelles Grundwissen über unsere Nachbarn gibt es kein Europa, ohne kulturelle Fremderfahrungen keine Europäer.“

„Jede Sprache hat ihre eigene Perspektive auf die Welt. Dies ist ihre Kultur.“ Wie haben wir uns jetzt zu verhalten? Als Richtlinie nehme man den Spruch „When in Rome, do as the Romans do“.

Schlussendlich bleibt zu begreifen, dass unterschiedliche Kulturen auch immer ineinander übergehen: die spanische Arbeitsmoral mag auf viele befremdlich wirken; allerdings gehörten Böll’s “ Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral sowie Eichendorff’s Aus dem Leben eines Taugenichts mal zur Pflichtlektüre in deutschen Schulen und auch die klassische deutsche Bildungsidee personifiziert sich antiutilitaristisch und fordert die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit als Ziel von Bildung; danach sei immernoch genug Zeit sich markttaugliches Wissen anzueignen. Und, wie viele fühlen mögen, gehört das südländische Lebensgefühl seit jeher zu den Sehnsüchten der Deutschen.

Was zu sagen bleibt:

Der Diskurs über die Bildung einer gesamteuropäischen Identität gehört auf die Straße und in die Münder, hinaus aus dem akademischen Rahmen, denn nur wenn alle den Diskurs führen, können Europäer sowie Europa von solch fruchtbarem Gedankengut profitieren.

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